Bauen für die Menschen bei Wilkhahn – ein Nachruf auf Frei Otto

Dr. Jochen Hahne, Burkhard Remmers

Am 9. März 2015 ist der Architekt und Ingenieur Frei Otto, 89jährig, verstorben. Die Tagespresse ist voll der Würdigungen seines Lebenswerks, die Fachpresse sowieso. Und dass ihm nun als erstem posthumen Preisträger mit dem Pritzker-Preis die wohl öffentlich bedeutendste Anerkennung verliehen wird, erscheint wie das Ausrufezeichen am Ende einer einzigartigen Biografie. Es steht uns nicht an, den Würdigungen der Fachwelt noch eine weitere hinzuzufügen. Aber uns verbindet bei Wilkhahn mit Frei Otto so vieles, was der Erinnerung wert ist. Zu Wichtiges auch, um es unerwähnt zu lassen.

Der Unternehmer Fritz Hahne hatte 1984 einen heute in vielerlei Hinsicht denkwürdigen Anspruch an das Bauen bei Wilkhahn formuliert: «Bei Wilkhahn werden keine zwei Backsteine aufeinandergelegt, solange wir nicht sicher sind, dass etwas entsteht, bei dem ökologische und ökonomische, ästhetische und humanitäre Erfordernisse auf einem Nenner sind.» Die Familie Hahne hatte zuvor seit vielen Jahren aufmerksam und engagiert die Debatten in den unterschiedlichen Fachdisziplinen zu den Grenzen des Wachstums und zu Umwelt- und Naturschutz verfolgt. Wertschätzung und Erhalt der Natur wurden neben der Gestaltungsqualität und der besonderen sozialpolitischen Ausrichtung zur dritten Dimension einer ganzheitlichen Unternehmenskultur, die sich in den zukünftigen Bauten wie auch in den Produkten widerspiegeln sollte.

Schon das erste Gespräch mit Frei Otto war so vielversprechend, dass die Weichen für die Zusammenarbeit gestellt wurden. Im Januar 1988 wurden vier Produktionspavillons eröffnet, die in dieser Form bis heute weltweit einzigartig sind und vielfach ausgezeichnet wurden. Doch nicht nur seine Bauten, auch seine Zugewandtheit und Wertschätzung zeichneten Frei Otto in besonderer Weise aus: Er diskutierte seine Entwürfe mit der Belegschaft und dem Betriebsrat ebenso wie mit der Geschäftsführung, und er war sich nicht zu schade, deren Wünsche, etwa nach mehr Ausblickmöglichkeiten und Fensterflächen, in seinen Entwurf zu integrieren. Das gleiche galt für die Gespräche mit den Mitarbeitern der lokalen Baubehörde, mit denen der bereits damals weltberühmte Architekt auf Augenhöhe und «von Kollege zu Kollege» diskutierte, um sie für die erforderlichen Genehmigungen zu gewinnen. Und nicht zuletzt galt dies für die Zusammenarbeit mit dem leitenden Architekten Holger Gestering der Bremer Planungsgruppe, die für den Bau vor Ort verantwortlich zeichnete. Kooperation war für Frei Otto eine Selbstverständlichkeit.

Keine andere Baustelle bei Wilkhahn wurde von den Mitarbeitern mit so viel Interesse und Anteilnahme verfolgt, mit keinen anderen Gebäuden haben sie sich je so stark identifiziert. Die Pavillons wurden zum sichtbaren und bis heute täglich erlebbaren Ausdruck der besonderen Unternehmenskultur bei Wilkhahn.

Im Unterschied zu anderen Architekten, die im Neuen per se das Bessere sehen, stellte Frei Otto bereits damals das Neu-Bauen in Frage. Es gab ernsthafte Überlegungen, die alte, mehrfach erweiterte Fabrik aus der Gründerzeit abzureißen und stattdessen ein neues, ebenfalls dringend benötigtes Verwaltungsgebäude zu errichten. Frei Otto betonte die Bedeutung der Fabrik für die Identität und Herkunft, die bei einem Abriss für immer verloren gehen würde, und er regte an, über eine Umnutzung nachzudenken. Sein Plädoyer trug wesentlich dazu bei, dass die Fabrik erhalten blieb und später in Zusammenarbeit mit dem Münchener Architekturbüro Herzog & Partner zum Verwaltungsgebäude konvertiert wurde. 

Es gehörte zum Verständnis von Frei Otto dazu, «seine» Gebäude von Zeit zu Zeit zu besuchen und über die Jahre immer wieder den Kontakt zu halten. Ende 1995 wurde uns eine solche Visite von Frei Otto und seiner Ehefrau Ingrid angekündigt. Die Beiden waren ausgesprochen unprätentiös, interessiert und ausgestattet mit Fotoapparat und einem Ordner, der voll von Fotos, Skizzen und Notizen war, die während des darauffolgenden Rundgangs ergänzt und fortgeführt wurden. Die vorsichtige Vorwarnung, dass sich in den letzten Jahren, wie in Fertigungsstätten üblich, einiges verändert habe und nicht mehr dem Status der Eröffnung entspräche, beantworteten sie lächelnd mit dem Hinweis, dass gerade dies der Grund für ihr Kommen wäre: zu sehen und zu dokumentieren, ob und wie sich die Gebäude neuen Nutzungen anpassen können, wie sie sich von den Menschen, die darin arbeiten, aneignen lassen und wie sie sich mit den Prozessen des Unternehmens verändern …

Zur EXPO 2000 war ein weiterer Besuch geplant. Frei Otto hatte den japanischen Architekten Shigeru Ban bei der Umsetzung des japanischen «Papier-Pavillons» unterstütztund er war auch bei der Dachkonstruktion des Venezuelanischen Pavillons beteiligt, die sich wie eine Blüte öffnen und schließen ließ. Bei Wilkhahn fand die Ausstellung «Zukunft der Arbeit» statt – im vierten Pavillon, der dafür temporär als Ausstellungsraum umgenutzt wurde. Es gab also viele gute Gründe nach Hannover und Bad Münder zu reisen. Frei Otto wollte gerne kommen, musste die Teilnahme an der Ausstellungseröffnung aber dann kurzfristig absagen, sein stark nachlassendes Sehvermögen machte ihm allzu sehr zu schaffen.

Fünf Jahre später wurden wir angefragt, aus unserem Bestand Unterlagen und das Pavillon-Modell für eine Ausstellung im Architekturmuseum der Technischen Universität München beizusteuern, die in der Pinakothek der Moderne gezeigt wurde. Eine Anfrage, der wir gerne nachkamen. «Frei Otto – leicht bauen, natürlich gestalten» war der programmatische Titel der Werkschau mit Versuchsanordnungen, Materialbeispielen, Modellen, Detaillösungen, organisch wirkenden Hüllen und menschgerechter Maßstäblichkeit.

Frei Otto´s Lebenswerk war mehr als nur Forschen und Bauen. Es ging ihm um das Dasein an sich, um das menschenwürdige Leben und Arbeiten, um Sinnstiftung und um die Zusammenhänge des großen Ganzen, die auch im Kleinen sichtbar sind. Dafür suchte und fand er die Vorbilder in der Natur – vielleicht ist es das, was uns seine Architektur so außergewöhnlich und gleichzeitig so selbstverständlich und nah empfinden lässt. Und das ist der Anspruch, den wir auch an unsere Produkte stellen. Wir haben gerne «mitgestaltet». All das bleibt bei Wilkhahn lebendig und erlebbar. Vielen Dank dafür, Frei Otto!